Seeing und Transparenz: Wie gut ist die Nacht?
Zwei Eigenschaften der Luft, die über jede Beobachtung entscheiden – und die oft nicht zusammenpassen.
Zuletzt aktualisiert: 15.10.2026 · Von Michael Plangger · So wählen wir aus

Nicht jede wolkenlose Nacht ist gleich gut. Zwei Eigenschaften der Luft entscheiden, was du siehst: das Seeing und die Transparenz. Wer beide unterscheiden kann, wählt die passenden Ziele und ärgert sich weniger.
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Seeing: die Ruhe der Luft
Seeing beschreibt, wie ruhig die Luft ist. Warme und kalte Luftschichten mischen sich und lenken das Licht ständig ein wenig ab. Im Okular siehst du das als Flimmern, Wabern und Verschmieren – besonders bei hoher Vergrösserung.
Schlechtes Seeing trifft vor allem:
- Planeten und den Mond (feine Details),
- enge Doppelsterne,
- alles, was du stark vergrösserst.
Von blossem Auge erkennst du schlechtes Seeing am starken Funkeln der Sterne. Ruhig leuchtende Sterne deuten auf gutes Seeing hin.
Woher die Unruhe kommt
Die British Astronomical Association nennt drei Hauptquellen:
- Starke Höhenwinde (Jetstream): Zieht er über dich hinweg, sind Planeten und Mond kaum sinnvoll zu beobachten. Deep-Sky-Objekte leiden weniger.
- Tagesgang: Boden und Luft geben nachts die Wärme des Tages ab. Laut BAA ist das Seeing oft am frühen Abend und vor der Morgendämmerung am besten. Auch dunstige, neblige Nächte haben oft ruhige Luft.
- Wärme in der Nähe: Strassen, Hausdächer, Beton und ein warmer Teleskop-Tubus verschlechtern das Seeing direkt vor dem Teleskop. Wasserflächen geben Wärme dagegen langsam ab; an Seeufern ist das Seeing oft gut.
Seeing einschätzen: die Antoniadi-Skala
Eine weit verbreitete Skala stammt vom Astronomen Eugène Antoniadi. Sie hat fünf Stufen, I ist die beste:
| Stufe | Beschreibung |
|---|---|
| I | Perfektes Seeing, das Bild steht völlig ruhig. |
| II | Leichtes Zittern, mit ruhigen Momenten von einigen Sekunden. |
| III | Mässiges Seeing, grössere Unruhe verwischt das Bild. |
| IV | Schlechtes Seeing, das Bild wabert ständig. |
| V | Sehr schlechtes Seeing, kaum ruhig genug für eine grobe Skizze. |
Am einfachsten beurteilst du das Seeing an einem hellen Stern oder Planeten bei hoher Vergrösserung.
Die Pickering-Skala
William H. Pickering vom Harvard College Observatory entwickelte mit einem 5-Zoll-Linsenteleskop (13 cm) eine Skala von 1 bis 10, hier ist 10 die beste: 1–3 sehr schlecht, 4–5 schlecht, 6–7 gut, 8–10 ausgezeichnet. Pickering beschrieb die Stufen anhand der Beugungsringe um einen Stern. Weil diese Ringe von der Öffnung abhängen, lässt sich die Skala nicht eins zu eins auf andere Teleskope übertragen.
Transparenz: die Klarheit der Luft
Transparenz beschreibt, wie viel Licht durch die Luft kommt. Wasserdampf, Dunst, Staub, Rauch und dünne Schleierwolken verschlucken und streuen Licht. Je tiefer ein Objekt am Horizont steht, desto mehr Luft liegt dazwischen und desto schlechter ist die Transparenz.
Gute Transparenz brauchst du vor allem für lichtschwache, flächige Objekte: Galaxien, Nebel, die Milchstrasse. Für Planeten ist sie weniger wichtig.
Transparenz einschätzen: der Kleine-Wagen-Test

Zähl, wie viele der sieben Sterne des Kleinen Wagens du von blossem Auge siehst. Siehst du alle sieben, reicht deine Sicht etwa bis zur 6. Grössenklasse – sehr gut. Siehst du nur den Polarstern und zwei, drei weitere, ist die Transparenz mässig oder der Himmel stark aufgehellt. Mach den Test immer erst nach der Dunkelanpassung.
Zwei unabhängige Grössen
Seeing und Transparenz hängen nicht zusammen. Typische Kombinationen:
| Nacht | Seeing | Transparenz | Gut für |
|---|---|---|---|
| glasklar, Sterne funkeln stark | schlecht | gut | Galaxien, Nebel, Sternhaufen bei kleiner Vergrösserung |
| leicht dunstig, Sterne ruhig | gut | mässig | Mond, Planeten, Doppelsterne |
| klar und ruhig | gut | gut | alles – geniessen! |
| dunstig und unruhig | schlecht | schlecht | helle Sternhaufen, Mond bei kleiner Vergrösserung |
Was kannst du gegen schlechtes Seeing tun?
Gegen den Jetstream bist du machtlos. Gegen die Unruhe direkt am Teleskop nicht:
- Teleskop auskühlen lassen. Laut Sky at Night braucht ein Teleskop mindestens eine Stunde, bis es die Aussentemperatur erreicht. Stell es also früh nach draussen.
- Nicht über Dächer und Strassen beobachten. Wähle Objekte, die hoch am Himmel stehen, und eine Wiese statt eines Betonplatzes.
- Vergrösserung anpassen. Bei mittelmässigem Seeing lieber eine Stufe weniger; ein kleineres, scharfes Bild zeigt mehr als ein grosses, verschwommenes.
- Ruhige Momente abwarten. Auch bei mässigem Seeing gibt es kurze ruhige Augenblicke. Bleib am Okular und warte darauf.
Typische Fehler
- Klar mit gut verwechseln: Ein glasklarer Himmel ist nicht automatisch eine gute Planetennacht.
- Zu früh urteilen: Ein noch warmes Teleskop zeigt schlechtes «Seeing», das in Wahrheit aus dem Tubus kommt.
- Skala nicht notieren: Ohne Angabe der Skala kann später niemand deine Notiz «Seeing 2» deuten.
Häufige Fragen
Warum funkeln Sterne?
Kann eine Nacht sehr klar und trotzdem schlecht für Planeten sein?
Welche Skala soll ich verwenden?
Quellen (7)
- British Astronomical Association: Absolute Beginners – Astronomical seeing (abgerufen 14.10.2026)
- Wikipedia (englisch): Antoniadi scale (abgerufen 14.10.2026)
- Wikipedia (englisch): Pickering scale (abgerufen 14.10.2026)
- Astronomy Magazine: What are transparency and seeing? (abgerufen 14.10.2026)
- Brazos Valley Astronomy Club: Seeing & Transparency (abgerufen 14.10.2026)
- Wikipedia (englisch): Astronomical seeing (abgerufen 14.10.2026)
- BBC Sky at Night Magazine: How to star test a telescope (abgerufen 14.10.2026)
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